• sophiebagusat

Was hat ein stures Pony mit dem Wort Nein zu tun?

N e i n. Ein kleines Wort mit einer so großen Bedeutung. Trotzdem fällt es vielen schwer, dieses Wort auszusprechen. Weshalb ist das so und was kann ich tun, damit mir das „Nein“ sagen in Zukunft leichter fällt?

Das sture Pony Greti


Schon immer war der Pferdestall mein geheimer Zufluchtsort. Hier kann ich abschalten und einfach nur sein. Im Hier und Jetzt, ohne viel nachdenken zu müssen.

Kaum hatte ich meine ersten Schritte getan, sass ich bereits auf einem Pferd im Sattel meines Vaters und mit nur sechs Jahren bekam ich mein erstes eigenes Pony namens Greti.

Greti war eine richtige "Buckelmaschine". Hatte sie einen "Null Bock" Tag, warf sie mich einfach ab. Lag ich immer noch nicht am Boden, legte sie sich mit mir hin. Greti hatte ganz klare Grenzen. Ein „Nein“ war ein „Nein“ und konnte nicht verhandelt werden. Ich war nicht allzu traurig, als meine Schwester Gigga das Pony übernahm, da ich zu groß für Greti geworden war ... .


Weshalb erzähle ich diese Geschichte überhaupt? Was hat ein Pony mit Burnout zu tun? Sehr viel sogar, denn Greti hat mir eine sehr wichtige Lektion gelehrt - sich Grenzen zu setzen und öfter mal „Nein“ zu sagen. Denn „Nein“ sagen kann sehr gesund sein und ist mit unter die beste Burnout Prophylaxe.

Die Bedeutung des Wortes „Nein“

Was tue ich eigentlich, wenn ich mich zu einem bewussten Nein entscheide? Wenn ich meinem Gegenüber sage, dass ich keine Kapazität für weitere Aufgaben habe, da ich selbst viel zu tun habe? Ich setzte mir und meinem Gegenüber eine Grenze und verteidige diese. Gleichzeitig sorge ich für mich selbst und gehe bewusst mit mir um.

Somit schütze ich meine Energie und bleibe bei Kräften, um glücklich zu sein und mein volles Potential entfalten zu können. Denn ich möchte das Leben leben, das am besten zu mir passt und dazu gehört nun mal ein bestimmtes und höfliches „Nein“.

Denn wenn ich ständig nur „Ja“ sage und mich um alle und alles andere kümmere als um mich selbst, wird es mir auf Dauer nicht gut gehen. Das kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus sagen.


Ich war ein typischer „Ja“-Sager, der Schwierigkeiten hatte, sich abzugrenzen und für sich selbst zu sorgen. Das Wort Selbstfürsorge war mir fremd und mich stresste es regelrecht „Nein“ aussprechen zu “müssen”. Dies führte dazu, dass ich immer öfter „Ja“ sagte, auch wenn ich innerlich „Nein“ meinte:


"Sophie, kannst du mir kurz helfen den Text ins Englische zu übersetzen?"

"Klar, schicke ihn mir einfach rüber.”

--> Innerlich dachte ich mir "Eigentlich habe ich dafür überhaupt keine Zeit. Und große Lust habe ich dazu auch nicht. Aber Nein zu sagen kommt überhaupt nicht in Frage, denn schließlich bin ich kein Egoist. Ausserdem möchte ich meine Freundin nicht im Stich lassen.”


Ich ging nicht nur dem Wort „Nein“aus dem Weg, sondern forcierte diese Situationen bewusst, indem ich half, wo ich helfen konnte, auch wenn ich überhaupt nicht nach Hilfe gefragt wurde. Dieses Phänomen wird oft auch als Helfersyndrom bezeichnet und kann schnell in einem Burnout enden, denn auch hier werden die eigenen Bedürfnisse vernachlässigt.

Weshalb fiel es mir so schwer mich abzugrenzen?

„Nein“ zu sagen fiel mir aus folgenden Gründen besonders schwer:

  • Ich war schon immer ein sehr emphatischer Mensch, der niemanden verletzen und es allen Recht machen möchte (schlechtes Gewissen).

  • Ich redete mir ein, ständig gebraucht zu werden und sehnte mich nach Anerkennung.

  • Ich hatte Angst davor, abgelehnt zu werden.

  • Ich scheute mich vor Konflikten.

  • Ich hatte das Gefühl, stark sein zu müssen.

  • Ich war der Überzeugung, dass ich stressresistent bin. Dass ich alles kann und schaffe, was ich mir vornehme.

Zu hohe Erwartungen

Diese Loyalität erwartete ich nicht nur von mir, sondern auch von anderen. Deshalb stufte ich Menschen, die sich klare Grenzen gesetzt hatten, als egoistisch ein. Ob es der Kollege war, der pünktlich nach Hause ging oder die Freundin, die lieber Zeit mit ihrem Freund verbrachte - ich verstand es einfach nicht. Heute bin ich um einige Erfahrungen reicher und weiss, dass ich nicht nur zu hohe Erwartungen an mich selbst hatte, sondern auch an mein gesamtes Umfeld.


Ich ging dem Wort „Nein“ bewusst aus dem Weg - auch wenn dies zusätzlichen Stress für mich bedeutete. Oft fragte ich mich, welcher Art Stress letztendlich “besser” für mich war. Der Stress „Nein“ zu sagen oder der Stress der aus einem ungewollten „Ja“ heraus entstand?

Die Antwort ist simpel - keiner von beiden, denn ein stressfreies „Nein“ ist die optimale Lösung. Und das kann man erlernen.

Der Burnout zwang mich umzudenken

Ich stellte fest, dass ich jahrelang zu allem und zu jedem „Ja“ gesagt hatte, außer zu mir selbst. Dass ich das Wohlergehen anderer vor mein eigenes gestellt hatte, um mein Umfeld zufrieden zu stellen. Dies endete in einer Erschöpfungsdepression mit anschließendem Klinikaufenthalt.


Erst dort verstand ich, dass ich nur für andere da sein kann, wenn es mir selbst gut geht und dass ich nicht für das Glück anderer verantwortlich bin. Auch realisierte ich, dass sich alle besser fühlen, wenn ich mich gut fühle und gut ging es mir während meines Burnouts wirklich nicht! Ganz im Gegenteil: Ich war zu einer Belastung für mich selbst geworden und befand mich genau dort, wo ich nicht hinwollte.


Indem ich meinen Blickwinkel änderte und meine inneren Überzeugungen hinterfragte, kam ich zu vielen neuen Erkenntnissen. Eine davon war, dass ich prinzipiell jemand bin, der gerne hilft, aber mich dabei nicht aus den Augen verlieren darf. Oder dass ich hochsensibel bin und Grenzen gerade deswegen für mich besonders wichtig sind.

Auch mal ein liebevolles „Nein“ zu sich selbst

Nein, ich habe mich nicht vertippt. So wichtig es ist, ein „Nein“ auszusprechen, so wichtig ist es auch, dies zu sich selbst sagen zu können. Vor allem dann, wenn man (wie ich) perfektionistisch veranlagt ist. Muss ich wirklich noch um 22:00 Uhr die komplette Wohnung aufräumen oder kann das bis morgen warten? Muss ich mich wirklich zu diesem Abendessen zwingen oder kann ich nicht einfach zu Hause bleiben und mir einen gemütlichen Abend machen?


Jahrelang hatte ich mich mit dem Wort "müssen" selbst unter Druck gesetzt, doch in Wirklichkeit musste ich überhaupt nichts. Ich hatte Schwierigkeiten, zu unterscheiden, was ich gerne tue und was nicht. Was meine selbstauferlegten Verpflichtungen waren und was mich wirklich erfüllte. Mittlerweile frage ich mich regelmäßig: Was muss ich wirklich und was nicht? Wozu habe ich Zeit und wozu nicht? Wo liegen meine Prioritäten und was bringt mich weiter? Was möchte ich und was nicht?

Einfach mal Nein sagen - klingt einfach, ist es aber nicht

Fast jeder Burnout Ratgeber rät dazu, öfter „Nein“ zu sagen. Das klingt in erster Linie nach einer sehr simplen Lösung, ist sie aber nicht.

Auch mir kann das „Nein“ sagen immer noch schwer fallen und manchmal lasse ich mich bewusst zu etwas “überreden” (aber immerhin bewusst.)… Denn mittlerweile kann ich sehr gut einschätzen, wozu ich Energie habe und wozu nicht. Wo meine Grenzen liegen und was zu viel ist.

Einer meiner weiteren Schwächen ist es, das Gefühl zu haben, mich rechtfertigen zu müssen und ein „Nein“ nicht einfach mal ein „Nein“ sein zu lassen. Wie schwer mir das teils noch fällt, veranschaulicht folgendes Beispiel:

Nein, aber ...

Meine Aufgabe war es, während eines Rollenspiels "Nein" zu sagen. Meine Kollegin fragte mich, ob ich sie schnell zum einkaufen fahren könnte, da ihr Auto in der Werkstatt sei. Sie nahm die Aufgabenstellung sehr ernst und ließ nicht locker, bis sie mich dazu brachte, „Ja“ zu sagen. Letztendlich versprach ich ihr, sie morgen in den Supermarkt zu fahren. Diese recht simple Übung veranschaulichte mir, wie wichtig es für mich ist, weiterhin das „Nein“ sagen zu üben und mich auch nicht immer erklären zu müssen.

Wie kann ich das Nein-sagen üben?


Anbei drei Tipps aus meinem Reisekoffer:

  • Für mich war es sehr hilfreich zu verstehen, weshalb mir das „Nein“ sagen so schwer fiel und teils immer noch fällt.

  • Es kann auch sehr hilfreich sein Tagebuch zu führen und sich täglich zu folgenden Fragen Gedanken zu machen: Wie oft habe ich heute „Ja“ gesagt, meinte dabei aber „Nein“? Zu was habe ich mich gezwungen und was war meine eigentliche Absicht? Desto öfter ich mich beim ungewollten „Ja“-sagen erwische, desto einfacher wird es mir fallen, „Nein“ zu sagen (dies ist auf jeden Fall meine Erfahrung)

  • Zuletzt finde ich es sehr hilfreich, mir meiner Prioritäten bewusst zu werden und diese für mich aufzuschreiben. Was ist mir im Leben wichtig und was mache ich gern? Was ist mir nicht so wichtig und was mache ich eher ungern? Mit Hilfe einer solchen Liste fällt es mir viel leichter, „Nein“ zu sagen, vor allem zu Dingen, die nicht meine eigentlichen Prioritäten widerspiegeln.

Zuletzt noch: Je öfter ich das Wort „Nein“ verwende und hierbei positive Erfahrung mache, desto leichter wird mir schlussendlich das „Nein“-sagen fallen. Auch wenn sich anfangs ein „Nein“ vielleicht noch ungewohnt anfühlt oder gar falsch, wird es sich mit der Zeit natürlicher anfühlen.


Gutes Gelingen wünscht Euch Eure